Ein YCL-Team an der Cowes Week
Die Cowes Week auf der Isle of Wight zählt zu den traditionsreichsten Segelveranstaltungen überhaupt. Dieses Jahr feierte sie ihr 200-jähriges Jubiläum und machte unsere Teilnahme damit nochmals zu etwas ganz Besonderem. Wir waren in der J/70-Klasse mittendrin, bei bestem Sommerwetter, Starkwind und den berüchtigten Strömungen des Solent.
Das Abenteuer begann allerdings schon lange vor dem ersten Startschuss. Noch in der Schweiz hatten wir einen technischen Schaden und mussten kurzfristig das Zugfahrzeug wechseln. Damit wurde die Anreise nach Caen zum ersten Rennen der Woche. Nach zwölf Stunden praktisch ohne Pause rollten wir gerade einmal 15 Minuten vor Abfahrt auf die Fähre. Der erste grosse Erfolg war damit bereits verbucht und das Abenteuer Cowes konnte beginnen.
Unsere Crew bestand aus Nicolas Grüter, Jonas Wenger, Yves Ernst und Christian Sprecher an der Pinne, vom Segelclub Enge in Zürich.
Für uns Süsswasserpiraten vom Vierwaldstättersee bedeutete das Segeln im Solent zunächst eine steile Lernkurve. Wind gegen Strom, Strom gegen Wind, neue Winkel zur Tonne und ein hochkarätiges Feld mit der gesamten britischen J/70-Szene, die hier zu Hause ist. Als Grand-Slam-Event zieht die Cowes Week entsprechend starke Teams an.
Auch unser Basislager hätte besser nicht passen können. Wir wohnten direkt im Hafen von Cowes auf dem Motorboot der lokalen Segellegende Jo Richards, olympischer Bronzemedaillengewinner im Flying Dutchman. Näher am Geschehen geht kaum. Südenglische Gastfreundschaft in einem Ort, in dem es gefühlt mehr Yachtclubs und Slipanlagen pro tausend Einwohner gibt als öffentliche Mülleimer in der Schweiz.
Die ersten Tage standen im Zeichen der Anpassung, gefolgt von genau dem, wofür man nach Cowes kommt: mehrere Tage intensive Segelaction mit schnellen Rennen, engen Manövern und ständig wechselnden Bedingungen.
Eine Lektion des Solent werden wir so schnell nicht vergessen. Bei starker Strömung führt der schnellste Weg teilweise direkt am Ufer entlang. Und direkt bedeutet hier wirklich direkt. Ohne Echolot kreuzt man so nah wie möglich am steil abfallenden Strand hoch, vorbei an grossen Steinen, von denen selbst die Locals nicht immer genau wissen, wo sie nach dem letzten Sturm liegen. Bei manchen Wenden waren wir gerade einmal drei oder vier Meter vom Ufer entfernt und die Badegäste konnten uns praktisch aus nächster Nähe bei der Wende zuschauen. Ein unglaublicher Nervenkitzel, zumal während der Woche auch einige Boote aufsetzten und teils Kielschäden davontrugen.
Im zweitletzten Lauf passte dann alles zusammen. Mit einem zweiten Platz konnten wir uns in diesem starken Feld ganz vorne platzieren. Ein Riesenerfolg und bereits ein absolutes Highlight der Woche.
Am letzten Tag folgte dann aber vielleicht der unvergesslichste Moment der ganzen Cowes Week. Auf der ersten Kreuz führte der schnellste Weg wieder direkt an der Küste entlang. Also machten wir es wie die Locals und gingen so nah an den Strand, wie wir uns nur trauten. Über 40 Wenden auf dem ersten Schlag, teilweise nur wenige Meter vom Ufer entfernt, ohne Echolot, mit viel Mut und vielleicht etwas wenig Verstand. Und plötzlich waren wir vorne und führten die gesamte Fleet an. Nach den ersten Tagen, in denen wir noch versucht hatten, Strömung, Küste und Eigenheiten des Solent überhaupt zu verstehen, selbst das Feld entlang des Strandes anzuführen, war ein magischer und unvergesslicher Abschluss unserer Regattawoche.
Neben den Rennen bleibt vor allem die Atmosphäre: Boote überall, volle Stege, Regattacrews in den Strassen und dieses Gefühl, dass sich auf der Isle of Wight eine Woche lang alles nur ums Segeln dreht. Beim 200-jährigen Jubiläum war diese besondere Mischung aus Segelgeschichte, Tradition und Regattaaction wohl noch ein bisschen stärker zu spüren.
Für alle, die jetzt selbst Lust auf Cowes bekommen haben: Wir konnten vor Ort sehr gute Kontakte für Charterboote sowie Unterkünfte in verschiedenen Kategorien knüpfen. Wer sich also für eine zukünftige Teilnahme interessiert, darf sich gerne bei uns melden.
Unser Fazit: viel gelernt, ein Riesenabenteuer erlebt und für alle Segelbegeisterten eine unglaubliche Reise. Herrliche 20 Grad, Segeln mitten im Solent, südenglische Gastfreundschaft und natürlich Fish and Chips. Cowes, wir kommen gerne wieder!
Autor: Nicolas Grüter
